Hans-Peter Hepp

„Meine Häuser sind Schauspieler, meine Landschaften eine Theaterbühne“

Hans-Peter Hepp im Interview über seine künstlerische Arbeit

Eigentlich sind es ganz gewöhnliche Häuser und Landschaften, die der Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Hepp seit nunmehr zwanzig Jahren in seiner Malerei, seinen Papierarbeiten und Skulpturen abbildet. Bei ländlichen Szenerien und kleinstädtischen Idyllen mag manchem Betrachter das Werk von Hans-Peter Hepp naiv erscheinen. Doch dann hüllt er diese heilen Welten durch seine Farbkomposition in ein oft schrilles Licht, das die naive Idylle bedrohlich und surreal erscheinen lässt. Doch warum und wie erzeugt der Künstler diese eigentümliche Spannung, was inspiriert ihn und wie möchte er mit dem Betrachter in den Dialog treten? Im folgenden Interview gibt er dazu überraschende Antworten.

Bei deinen Gemälden fällt mir auf, dass niemals Menschen oder Tiere zu sehen sind. Warum hast du sie weggelassen?

Fischeln, 2002
Hans-Peter-Hepp:

Wer hat nicht schon einmal, wenn er in die Wolken geblickt hat, Gesichter oder Figuren gesehen? In meinen Bildern halte ich ähnliche flüchtigen Eindrücke und Interpretationen bewusst fest und komponiere daraus ein Szenarium. Ich brauche keine Menschen und Tiere, um etwas auszudrücken. Bei mir haben die Häuser und Bäume einen eigenen Charakter. Wie bei Menschen können sie gewöhnlich oder schräg sein. Mit meinen Landschaften baue ich mir Theaterbühnen, und die Gebäude sind dort die Schauspieler. Wie die Akteure eines Bühnenwerks positionieren sie sich an prägnanter Stelle. Sie können zwar nicht sprechen, aber kommunizieren trotzdem. Sie haben keine Gesichter, aber einen Ausdruck. Manche Fenster meiner Häuser wirken zum Beispiel wie leere Höhlen und werden dadurch als bedrohlich wahrgenommen. Im Gegensatz dazu entsteht ein freundlicher Eindruck, wenn die Fenster Gardinen haben.

Auf den ersten Blick könnte man bei vielen deiner Bilder von naiver Malerei sprechen, auf der anderen Seite erinnern sie an den Surrealismus. Wie würdest du dein Werk einordnen?

In keines dieser Genres. Für die naive Malerei sind meine Bilder zu räumlich und nicht lieblich genug, für den Surrealismus sind sie mit ihren Sujets zu sehr in der Realität verankert. Was mir an der naiven Malerei gefällt, ist das ungewollt unvollkommen Gestaltete. Das Fehlerhafte, Hässliche übt auf mich eine Faszination aus, denn es lässt Spielraum für weiterführende Gedanken, fürs Phantasieren. Das, was manche bei meinen Bildern als surreal empfinden, ist eigentlich die Technik der Verfremdung, die ich verwende. Ein Straßenzug einer Kleinstadt wirkt bei einer Eins-zu-eins-Abbildung vielleicht spießig oder langweilig, aber nicht mehr. Durch veränderte Lichtverhältnisse und Reduktion wird aus dem romantischen Setting einer Hütte in meinem Bild „Im Wald“ eine fast bedrohliche Situation. Was erwartet den Wanderer bei einem Licht, das die hübschen Büsche und Bäume giftgrün schimmern lässt?

Im Wald, 2009

Welche Bedeutung hat die Farbgebung bei deinen Werken?

Wie ich bereits beim Beispiel „Im Wald“ beschrieben habe, ist die Farbkomposition ein ganz zentrales Moment in meinen Bildern. Erst durch die Veränderung und Übersteigerung der als real empfundenen Farben erziele ich den Effekt der Verfremdung. Erst durch die starken Farbkontraste entsteht die Spannung, die Häuser, Büsche und Bäume lebendig werden lässt und zu Akteuren auf der Bühne der Landschaft macht. Das mag surreal wirken, hat für mich aber nichts mit Surrealismus zu tun. Denn die Konstellationen von Gebäuden, Pflanzen, Objekten und Landschaften können auch so in der Realität stattfinden. Manchmal habe ich bei meiner Recherche von Motiven Konstellationen entdeckt, die ich nicht besser hätte erfinden können. Im Sauerland blickte ich zum Beispiel auf eine Baumformation, die wie ein Hase aussah.

Apropos Recherche – Was inspiriert dich zu deinen Bildern?

Insel und Schlauchboote, 2014

Bei meinen Reisen durch verschiedene Länder, aber auch bei Streifzügen durch Zeitschriften oder durchs Internet entdecke ich Motive, die mich ansprechen. Besser gesagt, sie sprechen zu mir. Daher werden sie auch mit den anderen Elementen eines zukünftigen Bildes und mit dem Betrachter kommunizieren. Auch alte Fotos und Postkarten regen meine Phantasie und damit zu neuen Bildern an.

In deinen Gemälden finde ich viele Motive aus deiner Heimatstadt Karlshafen und aus der Umgegend des Dreiländerecks Ostwestfalen, Nordhessen und Südniedersachsen. Wie stark sind die biographischen Bezüge?

Auf jeden Fall hat mich die Umgebung meiner Jugendzeit geprägt, so wie das bei jedem Menschen und seiner Heimat ist. Nicht umsonst habe ich Gebäude meiner Stadt mehrfacht verewigt, zum Beispiel in „Messerschmidt“. Übrigens: Die dort abgebildeten Büsche weichen nur minimal vom realen Vorbild ab. Auch weitere Bilder wie „Café Fernblick“ und „Schäfers“ zeigen Motive aus der Umgebung, in der ich groß geworden bin. Diese tatsächlich etwas seltsamen Gebäude eigneten sich sehr gut dafür, eine Hauptrolle auf der Bühne meiner Bilder zu übernehmen. Andere Gemälde zeigen zum Beispiel den Desenberg in der Warburger Börde, an dem ich auch heute noch häufig vorbeifahre, wenn ich meine Eltern besuche.

Messerschmidt, 2001

Gerade die genannten Gemälde mit Heimatmotiven wirken häufig bedrohlich.
Hast du diese Umgebung so in deiner Jugend empfunden?

Manche meinen, in Bildern wie „Messerschmidt“ eine Spießerhölle zu entdecken. Doch vielleicht überrascht es, dass ich keinen Groll gegen meine Heimat hege. Per se geht keine Bedrohung davon aus. Vielmehr empfinde ich das Weserbergland und das Dreiländereck als ausgesprochen schön.

Aber warum finde ich dann immer wieder dieses bedrohliche Element?

Wir haben die lieblichen, fast kitschigen Häuser in romantischer Landschaft als Ausgangssituation. Doch je länger der Betrachter meine Bilder anschaut, desto größer ist die Brechung, desto weniger hübsch und nett ist alles, desto mehr irritiert ihn das. Es ist nicht unbedingt Angst oder Bedrohung, die aus meinen Bildern sprechen soll. Es geht zunächst einmal darum, durch die besagte Brechung einen Bogen zu spannen, eine Vibration zu erzeugen. Diese Schwingung geht auf den Betrachter über und löst etwas in ihm aus. Sie bezieht ihn in das Bühnengeschehen meiner Bilder mit ein.

Hepp vor „Becken“, 2013

Über Hans-Peter Hepp

Der 1964 geborene Künstler ist im Weserbergland aufgewachsen. Nach dem Abschluss seines Grafik-Design-Studiums beim „Yellow-Submarine“-Grafiker Heinz Edelmann studierte er Malerei und Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Alfonso Hüppi. Ein Studienaufenthalt in Tokio im Rahmen eines DAAD-Stipendiums rundete seine künstlerische Ausbildung ab. Als freischaffender Künstler stellt Hepp in Deutschland und im Ausland aus, nahm an Symposien teil und betätigte sich als Kurator. Der Vater eines vierjährigen Sohnes ist seit mehreren Jahren zudem als Kunstlehrer tätig. Seine kreativen Kunstprojekte mit Schülern und das eigene künstlerische Schaffen befruchten sich seitdem gegenseitig.

 

Dr. Ulrich Hepp
15. Oktober 2015
http://www.drheppmedia.de