Hans-Peter Hepp

Häuser und andere Dinge

Zu Hans-Peter Hepps neueren Bildern und Installationen

In den Häuser- und Stadtbildern von Hans-Peter Hepp scheint auf den ersten Blick die Welt in Ordnung zu sein, und das im wörtlichen Sinne: Häuser, Straßen, Büsche und Bäume, ganze Siedlungen und Stadtviertel machen einen aufgeräumten, wie aus dem Ei gepellten Eindruck. Leuchtende, kontrastreiche Farbklänge aus frischen Grün- und Blautönen, ins Rosa und Violette tendierenden Rottönen und eine differenzierte Palette von Pastelltönen unterstützen diese Grundstimmung. Zugleich bleiben die Szenerien seltsam entrückt und unwirklich: Blitzsaubere Einfamilienhäuser reihen sich, wie geklont, zu einem extrem querformatigen Bild dicht nebeneinander auf. Sogar die Büsche und Straßenlaternen gehorchen dem monotonen Rhythmus der strengen Choreographie. Das Bild erscheint wie eine Karikatur jener uniformen Neubau-Siedlungen, die sich in den Randzonen deutscher Städte allerorten ausbreiten. Paradoxerweise ist kaum vorstellbar, dass die von Hans-Peter Hepp gemalten Häuser bewohnt sind, dass in den Gärten Kinder spielen könnten oder irgendwann mal ein Auto auf den Straßen fährt. Diese Bildwelten scheinen einem Paralleluniversum anzugehören, in dem die Häuser ihrer normalen Funktion enthoben sind und sich selbst genügen.

Auf einem anderen Bild zieht sich eine Reihe von Einfamilienhäusern über einen Hang, dessen Gefälle nach rechts in eine irreale senkrechte Neigung abstürzt. Kein Zweifel, Hans-Peter Hepp nutzt seine malerische Freiheit gerne im Sinne einer Übertreibung, Verzerrung, aber auch Vereinfachung und Typisierung der Wirklichkeit. Ebenso wie Bäume und Büsche auf einen allgemeinen, einheitlichen Nenner gebracht werden, handelt es sich bei den Häusern um eine Art Archetyp des normalen Einfamilienhauses.

Was auf den Bildern – auch bedingt durch die gleichmäßige, vereinheitlichende Malweise – modellhaft und unwirklich anmutet, basiert jedoch auf einer detailgenauen Beobachtung und Analyse des Sichtbaren. Dies zeigt sich in besonders konzentrierter Form in den Skizzen und Bildern, die während Hans-Peter Hepps sechsmonatigem Japan-Aufenthalt entstanden sind. Die neue, fremde Umgebung inspirierte ihn zu einer intensi-ven Auseinandersetzung mit der spezifischen Formenwelt von Architektur und alltäglichen Gegenständen. Zahlreiche Bleistiftskizzen von verschiedenen Haustypen, Straßenzügen und Objekten entstanden. Zusammen mit eigenen Fotografien und gesammelten Werbebroschüren entwickelte sich ein visueller Fundus, der auf vielfache Weise Eingang in die Bilder fand.

Als umfangreichstes Werk malte Hans-Peter Hepp in Tokyo die „Große Landschaft“. Dieser detailreiche, vogelperspektivische Anblick einer Stadtlandschaft setzt sich wie eine große Synthese aus zahlreichen Einzelstudien und Beobachtungen zusammen, von der Form der Straßenlaternen bis zu derjenigen der Hochhäuser. Das willkürliche Nebeneinander unterschiedlichster Haustypen basiert ebenso auf der unmittelbaren Beobachtung wie die ungewöhnlichen violettgrauen oder beigebraunen Fassadenfarben. Neben der Formenwelt ist es insbesondere das feinabgestufte, pastellartige und von starken Rosa- und Grüntönen durchsetzte Mosaik von Farben, das dem Bild seinen einzigartigen Charakter verleiht. Die Lebhaftigkeit der Farben bildet einen sonderbaren Kontrast zur Abwesenheit jeglichen menschlichen Lebens, die auch dieses Bild kennzeichnet. Offenbar geht es Hans-Peter Hepp nicht um ein umfassendes Stadtportrait, sondern – wie auch in den anderen Häuserbildern – darum, die Häuser selbst zu den Protagonisten zu machen. Seine Bilder lassen sich als eine Bühne begreifen, auf der eine eigene malerische Wirklichkeit zur Aufführung kommt, in welche die sichtbare Wirklichkeit nur in stark selektierter und verwandelter Form Eingang findet. Die Ambivalenz der Bilder speist sich aus einem doppelten Interesse: der intensiven Hinwendung zum Gegebenen der Wirklichkeit und der Lust am selbstbestimmten, spielerischen Verwandeln und Neukonstruieren mit den Mitteln der Malerei.

In seinen Objektbildern tritt der Aspekt des Transformierens besonders stark in Erscheinung. Angeregt von der speziellen organischen Formgebung und der aus europäischer Sicht ungewöhnlichen, zum Teil grellen Farbgebung moderner japanischer Haushaltsgeräte, unterzog Hans-Peter Hepp die Objekte einer subtilen, schrittweisen Metamorphose. Die Gegenstände formte er zunächst aus Knetmasse frei verändernd nach und malte diese entfunktionalisierten, skulpturalen Gebilde dann als einzelne Objekte vor monochromem Grund auf Leinwand. Durch die Vorliebe für kraftvoll leuchtende, komplementäre Farbkontraste noch gesteigert, geht von diesen im Bildzentrum isolierten Objekten trotz des kleinen Bildformats etwas Monumentales und zugleich Surreales aus.

Bereits seit einigen Jahren arbeitet Hans-Peter Hepp mit erfundenen oder aus Gegenständen abgeleiteten Objekten. Mitte der neunziger Jahre entstanden unter anderem starkfarbige Landschaftsbilder, in die bizarre organische Objekte integriert waren. Später realisierte er in verschiedenen Ausstellungsräumen Installationen aus frei im Raum verteilten, monochrom bemalten Pappmaché-Objekten. Drei leuchtend rote amorphe Plastiken schwebten 1998, an dünnen Fäden befestigt, im Düsseldorfer „Raum X“ und nahmen eine farbliche und gestalthafte Beziehung mit acht gleichmäßig über die Wände verteilten Landschaftsbildern auf. Der illusionäre Raum der Landschaftsbilder öffnete sich in den Realraum hinein und der reale Ort der „fliegenden“ Objekte verknüpfte sich mit der von Wolken durchzogenen Weite der Bilder.

Eine verwandte, aber sehr viel umfangreichere Installation im Düsseldorfer Ballhaus verwandelte 1999 den langgestreckten hohen Saal neben dem Aquazoo in eine Art imaginäres Aquarium, das von seltsamen, leuchtend blauen, zweihörnigen Pappmaché-Gebilden bevölkert wurde. Zwei großformatige Landschaftsbilder an den Stirnwänden, die sich wiederum farblich mit den Objekten ergänzten, zeigten auf der einen Seite eine von Bäumen bestandene Wiese mit einem großen Kraterloch vor violettem Abendhimmel, auf der anderen Seite ein Alpenpanorama mit schneebedeckten Bergen und einem See, in den ein gigantischer gelber Rüssel von oben hineinragte. Entlang der seitlichen Pfeilerreihen beobachteten kleinere farbige Knetgummifiguren wie skurrile Wächter das rätselhafte Geschehen. Die Phantasie des Betrachters wurde vom surrealen Witz der Installation in eine kosmische, extraterrestrische Richtung gelenkt.

Standen schon in vielen Bildern der neunziger Jahre die leuchtend farbigen Objekte wie absurde und zugleich heitere Halluzinationen in ihrem idyllischen landschaftlichen Umfeld, so steigern sich diese ambivalenten Wirkungsmomente in den Installationen noch. Die gewissermaßen aus den Bildern in den Realraum katapultierten Objekte sind nicht mehr rein imaginärer Natur, sondern entfalten eine reale Präsenz im Raum. Dass die Inszenierung eines schwebenden Zustands der klobigen, amorphen Gebilde ihre Realpräsenz wiederum ins Phantastische kippen lässt, verbindet sie ebenso mit ihrer „Heimat“, den gemalten Landschaften, wie der genau abgestimmte Farbklang zwischen beiden Sphären.

Die Vorliebe für ein Material wie Knetgummi, das Hans-Peter Hepp vor allem bei den Vorarbeiten seiner Bilder und Objekte zur modellhaften Vergegenwärtigung verwendet, hat für den Gestaltcharakter seiner Arbeiten eine weitreichende Bedeutung. Mit der Hand geformte Knetmasse tendiert zum Kompakten, organisch-Gerundeten und zur vereinfachten, vergröbernden Gestaltbildung. Ebenso wie die Pappmaché-Skulpturen, haben die gemalten Bäume, Büsche, Häuser und sogar die Wolken in den Bildern diese Anmutung von Knetgummi.

Die daraus resultierende gestalthafte Angleichung verschiedenster Bildelemente stiftet innerhalb der Bilder eine eigene Harmonie. Architektonisches und Organisches, Konstruiertes und Gewachsenes werden in eine homogene malerisch-plastische Qualität übersetzt.

Es ist nicht zuletzt diese Homogenität der Oberflächen, die den Bildern noch vor allen inhaltlichen Momenten ihren zugleich friedlichen und beklemmenden, harmonischen und irrealen Charakter verleiht.
 

Thomas von Taschitzki, 2001